Bezahltes Glück….?!

Bezahltes Glück….?!

Endlich Urlaub! Losgelöst vom Alltag! Glücks-Gefühle vorprogrammiert!
Sonne, Strand, Meer,  fremde Gerüche, südländische Musik – alles, was das Herz begehrt. Für dieses Glück haben wir bezahlt.
GlückDie Menschen im Hotel wirken am zweiten Tag schon etwas entspannter, etwaige Strapazen der Anreise verblassen, glückliche Gesichter überall.
Doch am Abend die Ernüchterung: Stromausfall. Im gesamten Hotel. Zu Beginn ist es noch eher amüsant: Menschen versammeln sich in den dunklen Fluren, ausgestattet mit Taschenlampen (Handys sind ja so vielseitig verwendbar!), und diskutieren: warum? wie lange? betrifft´s nur dieses Hotel oder die ganze Stadt? – Morgen wird schon wieder alles passen….

Guten Morgen liebe Sorgen…

Glück

 

In der Früh präsentiert sich allerdings das gleiche Bild. Die weitreichenden Konsequenzen werden sichtbar: das Badezimmer liegt im Dunkeln (der Weg zur Toilette wird eine Herausforderung, die morgendliche Dusche ist gestrichen), die Aufzüge sind außer Betrieb (manche Teile des Treppenhauses erstrecken sich seeehr finster), aufgeregte Menschen. Spekulationen werden angestellt: anscheinend ist das Stromaggregat total kaputt. Die Reparatur kann Stunden (!) dauern! Wer weiß, ob es überhaupt noch heute repariert wird, immerhin sind wir ja im Süden, da läuft alles anders!

Hoffnungsschimmer: Frühstück!

Kein Kaffee (auch wenn er am Vortag eh nicht wirklich genießbar war – heute wäre er immens wichtig gewesen!), der knackige Morgen-Toast ist heute natürlich nicht knackig, das Geschirr nicht makellos sauber (funktioniert der Geschirrspüler leicht auch nicht???), überhaupt sind viel zu wenig Kellner im Einsatz: das schmutzige Geschirr auf den Tischen wird nicht sofort abgeräumt. Wo sind die heute bloß? So ein bisschen Stromausfall kann doch nicht gleich den gesamten Hotelbetrieb durcheinander würfeln! Immerhin haben wir für unser Glück bezahlt!

GlückDas Spannende daran aber war, die meiste Aufregung herrschte ja nicht unbedingt wegen der Dinge, die JETZT nicht funktionierten. Vielmehr erstreckten sich die düsteren Gedanken über die Zukunft: was ist, wenn wir in ein paar Stunden noch immer keinen Strom haben? oder am Abend? vielleicht gar morgen auch noch nicht?!? Wie soll denn das Zimmermädchen sorgfältig putzen können? Der Handy-Akku wird bald leer, kein Wlan, muss ich für den restlichen Urlaub die Treppe benutzen? Und was ist mit meinem Morgen-Kaffee? Wie soll ich den morgigen Tag auch noch ohne Kaffee überstehen? Der Kaffee gestern war ja wirklich ausgezeichnet!

Bereits nach wenigen Stunden schien das gesamte Urlaubsparadies gefährdet! Aber wir haben doch für unser Glück bezahlt!
Rund um uns wird gemeckert und spekuliert. Über Dinge, die wir gar nicht beeinflussen können. Einer fängt an, alle ziehen mit.

Solidarität im Läster-Paradies

Hin und wieder Dampf ablassen zu können, tut gut. Man will seinen Frust loswerden, sich aber auch interessant machen. Und wesentlich dabei ist Folgendes: während ich über andere schimpfe, vergesse ich meine eigene Unzulänglichkeit. Gemeinschaftliches Lästern stärkt in gewisser Weise das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Doch dabei geht es um mehr, als nur Informationen auszutauschen: Lästereien sind unweigerlich mit Aggression verbunden. Dies wird schon an der Körpersprache deutlich: die Augenbrauen sind hochgezogen, die Arme werden verschränkt, die Lippen fest aufeinander gepresst.

GlückDieses Schimpfen und Lästern tut momentan gut. Für einen kurzen Moment müssen wir nicht daran denken, dass wir selber nicht perfekt sind. In Gemeinschaft jener, die es grad genauso übel erwischt haben wie wir, können wir die Schuld an unserem Un-Glück abwälzen, und unser Tag scheint dadurch gerettet.

Doch auf lange Sicht betrachtet, verändern wir absolut nichts zum Positiven, indem wir über andere schimpfen. Wir können Glück nicht kaufen. Wir werden Glück nicht erfahren, indem wir uns von anderen Menschen oder Dingen abhängig machen. Denn Glück fängt in unserem Inneren an. Wir ganz allein entscheiden, ob wir heute glücklich sein möchten, oder nicht. Wir ganz allein entscheiden, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied

Also klinkten wir uns gedanklich aus. Das einzige, was in solch einem aufgebrachten Stimmengewirr hilft, ist mentale Distanz. Das bedarf einer bewussten Entscheidung:
Nein, ich lästere nicht mit. Nein, ich denke nicht in Problemen. Ja, ich sehe die Dinge so, wie sie sind, und nicht schlechter. Ja, ich kann mein Glück erleben – auch ohne Strom!

Wirklich leid tat uns der freundliche Empfangschef an der Rezeption: da stand er nun: in voller Montur – Anzug und Krawatte!, bei geschätzten 40° Außentemperatur, ohne Klimaanlage (stimmt – die funktioniert ja auch nicht!), Schweiß tropfte unermüdlich über seine Stirn. Die Anspannung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Man muss sich ja nur mal überlegen, welche Konsequenzen solch ein mehrstündiger Stromausfall in seinem Arbeitsbereich hat: Buchungen, Check In / Out, Abrechnung, … Viele dieser Aufgaben müssen notdürftig händisch notiert und später ins Computersystem nachgetragen werden. Ein kleiner Fehler kann dabei enorme Auswirkungen haben!
Und immer wieder wurde er von Hotelgästen belagert (im luftig leichten Strandoutfit wohlgemerkt) und mit tiefgründigen Fragen bombadiert: warum? wieso? wie lange? kann man das Busticket heute wirklich nur erst im Bus und nicht schon an der souverän mit Computer ausgestatteten Rezeption lösen? Wir haben doch für unser Glück bezahlt!

Auch ich hatte eine typische Touristen-Sightseeing-Frage an ihn. Nach deren Beantwortung wollte er mir eine entschuldigende Erklärung über die heutige Strom-Hotel-Situation abliefern, doch ich winkte nur ab. Klammerte dieses Thema einfach aus. Hatte für uns keine Wichtigkeit. Wir fahren einfach in die Stadt, machen uns einen schönen Tag, was dann passiert – mal schauen. Er schenkte mir ein Lächeln, dankbar für diese kurze mentale Ruhepause.

Glück ist ein Entschluss

GlückAn diesem Tag ließen wir uns einfach treiben. Wir erlebten eine geniale Sightseeing-Tour, entdeckten wunderbare Plätze, und genossen verschiedene musikalische Darbietungen in der mediterranen Großstadt. Wenn sich Gedanken in unser Hirn schoben (was wird wohl sein, wenn wir ins Hotel kommen? wenn ich heut nicht duschen kann, wird´s übel… leckerer Kaffee?), dann drängten wir sie beiseite. Wir haben beschlossen, glücklich zu sein.

Als wir am Nachmittag ins Hotel zurück kehrten, war alles wieder beim Alten: beleuchtete Flure, der Lift funktioniert, Zimmer tadellos geputzt (war ja nicht anders zu erwarten), Handy kann wieder aufgeladen werden (wäre eh noch nicht nötig, hab ja noch gut 50%), Internet funktioniert wieder (egal – wir gehen ja eh gleich zum Strand), und der Kaffee morgen beim Frühstück ist auch wieder gesichert!!! — Ich hab dann Orangensaft getrunken, denn wie gesagt: er war absolut nicht nach meinem Geschmack!

Eure Birgit Leonhartsberger

 

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