Den Elefanten will ich nicht!

Den Elefanten will ich nicht!

Tatort: Küche. – 6:40 Uhr in der Früh.
Gerade aufgestanden, noch nicht vollständig dem Träumeland entstiegen, geh ich zielstrebig in die Küche, in freudiger Erwartung: frischer Kaffee!!!
Doch was muss ich sehen?
KränkungMein Göttergatte putzt die Herdplatte!!! um 6:40! Hallooo??? Geht´s noch deutlicher?
Also frag ich ihn, warum er JETZT den Ofen putzt?!? Antwort: „weil er schmutzig war.“

???

Meine Gedanken machen sich selbständig: ich hätt´s ja eh noch gemacht – hatte halt bis jetzt keine Zeit dazu (oder vielleicht doch vergessen? – würd ich aber nie zugeben) – hab ich wieder mal in puncto Haushaltsführung versagt – muss er mir das echt so auf die Nase drücken? kann er nicht einfach sagen: „hm, den Ofen sollten wir auch wieder mal putzen….“ ???

Demonstrativ beginne ich den Geschirrspüler aus- und wieder einzuräumen. Zur Erinnerung: 6:40!!!Kränkung

Was du kannst, kann ich schon lang!

Meine Gedanken werden immer eifriger: na spitze! Jetzt fang ich wegen dir schon in aller Herrgottsfrüh das Zusammenräumen an! Hätt das echt nicht noch ein wenig warten können? Ich weiß eh, dass ich kein Haushalts-Genie bin, aber du hast einen 40 Stunden Job. Musst diesen Kleinkram nicht auch noch machen. Noch dazu um diese Uhrzeit. Kannst mir´s nicht einfach direkt sagen, wenn dir was nicht passt? Sag´s doch einfach, dass ich ein Versager bin! Trau dich!

Stillschweigend verrichtet jeder seine Handgriffe, 5 Minuten später treffen wir uns beim Kaffee (endlich!!!) auf der Terrasse. Meine Gedanken wieder unter Kontrolle.
Ich frage ihn, was er sich denn dabei gedacht hatte? Welche Gedanken ihm dabei durch den Kopf gegangen sind? („na klass. das hätte sie auch schon längst erledigen können, ist eh den ganzen Tag z´haus…“)
Antwort: Nix. Nur dass der Ofen eben schmutzig war. Das hat ihn gestört. Also hat er´s eben beseitigt. „War doch schon immer so bei uns, oder? Wenn einen was stört, soll er´s eben erledigen. Aufgabenteilung nach Lust und Laune.“ – und lächelt mich an.

Hm. Einfaches Strickmuster. Keine Hintergedanken.

Von der Mücke zum Elefanten

Oft ist es doch nur eine Kleinigkeit: ein bestimmtes Wort, ein falscher Blick, ein strenger Tonfall – und schon sind wir in Millisekunden von 0 auf 100. Wir sind eingeschnappt, fühlen uns tief getroffen und beleidigt. Still leiden wir vor uns hin. Doch haben wir erst mal was in den falschen Hals bekommen, kann diese Kränkung verdammt lange anhalten! Stunden! Sogar mehrere Tage! Kann natürlich auch jederzeit wieder aufgewärmt werden: „Immer musst du aus einer Mücke gleich einen Elefanten machen!“

Der Hauptgrund dafür ist, dass wir uns selbst falsch einschätzen, zuwenig Selbstwertgefühl besitzen. Unbewusst denken wir, dass wir dem anderen unterlegen wären, begleitet von ständiger Angst, auf Ablehnung zu stoßen. Aus diesem Grund wird jede Aussage, jede Handlung unseres Gegenübers ganz genau auf Ablehnungssignale geprüft. Und wenn wir auch nur die Kleinsten finden, startet bereits unsere innere Abwehr. Unser Abwertungsmechanismus springt eigenständig an, und wir starten zum persönlichen Frontalangriff – wobei Verallgemeinerungen und Übertreibungen natürlich erlaubt sind! Schließlich wurden wir gerade zu tiefst gekränkt, als Versager abgestempelt und so richtig beleidigt.

Das Elefantenbaby bekam ich schon in der Kindheit…

KränkungUnsere Kindheit. Der allgegenwärtige Sündenbock. Für jedes Defizit, mit dem wir uns im Erwachsenenalter herumschlagen, muss sie herhalten.
Es stimmt schon. Manche Ereignisse von früher prägen uns natürlich. Vor allem wenn gewisse Aussagen oder Beleidigungen zu einem einzigen Thema immer und immer wieder kommen. Das traumatisiert einen ja gewissermaßen.

Aber jetzt mal ehrlich: Du bist jetzt erwachsen. Du musst dich nicht mehr um dieses Elefantenbaby kümmern. Du kannst im JETZT leben, nicht in deiner Kindheit. Infolge dessen kannst du auch entscheiden, ob du dich weiterhin von deiner Programmierung gefangen halten lassen willst oder nicht. Genauso gut könntest du dich ja auch auf deine Stärken konzentrieren und ein selbstbewusstes Leben führen, oder?

Die Transformation

Einer Sache musst du dir ganz klar bewusst sein: Die Kränkung ist dir nicht einfach so gegeben. Sie ist nicht genetisch bedingt, wurde dir nicht mit der Muttermilch eingeflößt. Sondern sie ist ein Reflex. Ganz genau: Ein Reflex.
Und dieser benötigt zu seiner Aktivierung genau 2 Dinge:

  1. Einen Auslöser: das kann irgendein Ereignis sein, irgendeine Situation. Ein bestimmtes Wort, eine konkrete Handlung, …
  2. DEINE Bewertung dieses Auslösers. Und genau DAS ist das Entscheidende daran: Erst wenn du diese Situation als Verletzung bewertest, kannst du auch beleidigt darauf reagieren.

KränkungDie Kränkung ist dann nur die logische Konsequenz deiner Bewertung, dein Verhalten und deine Gefühle leiten sich davon ab. Dabei fließen natürlich frühere Erfahrungen ähnlicher Situationen mit ein, aber auch deine momentane Stimmung beeinflusst deine Reaktion. Oft haben wir andere Wertvorstellungen als unser Gegenüber, manches ist uns einfach wichtiger als anderen. Und manchmal vermuten (!) wir bestimmte Beweggründe hinter dem jeweiligen Verhalten, mit Bestimmtheit wissen können wir sie natürlich nicht.

Bewusst nehmen wir nur das Verhalten des anderen wahr. Unsere gefühlsmäßige und daraus resultierende körperliche Reaktion dagegen startet absolut unbewusst. Es ist ein über die Jahre antrainiertes Programm, welches beim richtigen Auslöser ganz automatisch startet: eine bestimmte Handlung oder Redewendung und schon steht unsere Gefühlswelt Kopf. Wenn die richtige Zahlenkombination unseres Gefühlstresors eingegeben wurde, legen die Negativ-Gefühle los – kennen nur ein Ziel: Kränkung!
Wir fühlen uns als Opfer, glauben die anderen hätten Macht über unsere Gefühle. Geben uns ganz diesem Denkfehler hin – und leiden….

Wie kann ich die Mücke behalten …?

Überleg dir mal genau, bei welchen Menschen in deinem sozialen Umfeld du besonders empfindlich reagierst, wer hat besonders viel Macht über deine Gefühle?

Was genau regt dich regelmäßig so auf? Beschuldigungen, Geringschätzung, …
Was ist dein wunder Punkt?
Oder sind es vielleicht Dinge, die die anderen eben nicht machen: sie laden dich nicht ein, kommen einer Bitte nicht nach…
Wie ist die Körpersprache der anderen? Vogel zeigen, Kopf schütteln, Blick von oben herab, …
Deren Tonfall? sarkastisch, besser wissend, Kommandoton, …

Schreib dir all diese Punkte ganz genau auf. Und du wirst erkennen, das dies wirklich ganz konkrete Auslöser sind, keine Zufälle, welche einfach so über dich hereinbrechen. Dadurch erhältst du eine ganz wunderbare Möglichkeit: du kannst dich ganz bewusst entscheiden, wer in Zukunft die Kontrolle übernehmen soll: deine antrainierten Muster – oder Du selbst?

Sofortmaßnahme:
Es geht darum, diese Negativspirale zu unterbrechen, ins Gleichgewicht zurück zu finden, ohne aus der Situation flüchten zu müssen.
Bereite dir einen kurzen Satz vor. „Damit halt ich mich nicht auf, es gibt wirklich wichtigere Dinge. Das ist die Sache nicht wert. Ich werde nicht bedroht, mein Leben und meine Ziele sind nicht gefährdet.“ 
Formuliere es mit deinen eigenen Worten. Und präg dir diesen Satz immer und immer wieder ein. Er muss im Ernstfall sofort abrufbar sein.

Absolut wichtig: Beherrsche deine Körpersprache! Unser Körper steuert unsere Gefühle.
Beobachte deinen Körper während der Kränkung: gequältes Lächeln (nix anmerken lassen!), Kopf gesenkt, Arme gekreuzt, kein Blickkontakt, Schultern hoch gezogen, Stimme wird höher und leiser, wir sind verkrampft.Kränkung

Diese Schwächemuster sofort durchbrechen! Beherrsche deinen Körper! Stell dich aufrecht hin, Bauch hinein, Brust heraus, Kopf hoch erhoben, Ruhig und laut, aber schnell sprechen, dem Gegenüber selbstbewusst in die Augen schauen! Souverän und stark! Vielleicht gelingt dir sogar ein ehrliches Lächeln?

Kontrolliere deinen Atmung. Aktiviere deinen Brustkorb: aufrecht hinsetzen, langsam durch die Nase einatmen, Luft anhalten, bis 10 zählen, durch den Mund ausatmen, der Puls beruhigt sich, Spannung wird abgebaut.

Tatmotiv unbekannt

Versuche immer eine positive oder zumindest neutrale Grundhaltung einzunehmen. Wir unterstellen dem anderen immer eine Absicht. In Wahrheit können wir das aber nicht wissen. Stell dir vor, er wollte etwas Positives für dich oder eure Beziehung erreichen. Vielleicht hat er es nie anderes gelernt mitzuteilen. Möglicherweise ist aber auch sein Verhalten nur von seiner momentanen Stimmung abhängig und hat überhaupt nichts mit dir zu tun! Vergiss nie, dass auch der andere nur ein Mensch ist, dem es natürlich gestattet ist, Fehler zu machen.

Und sollte tatsächlich eine böswillige Absicht dahinter stecken, dann tröste dich damit, dass ein Mensch, der souverän in sich ruht, niemals auf andere treten würde. Menschen, welche selbst in der Opferrolle stecken, geben Verletzungen weiter, die sie erfahren haben. Sie buckeln nach oben und treten nach unten. Bemitleidenswert.
Du sollst sein Verhalten nicht gut heißen. Aber du kannst dich weniger angegriffen fühlen, wenn du es nachvollziehen kannst.

Zeitreise

KränkungTrotz aller Bemühungen und guter Vorsätze, kommt es aber vor, dass uns manche Kränkungen und Verletzungen immer wieder einholen. Sie bestehen seit Ewigkeiten und lassen sich nicht ignorieren.
Dann sind wir gefangen in einem Tunnelblick, sehen keinen Ausweg mehr, keine Sonne, nur mehr Schmerz.

Begib dich mal auf folgende Zeitreise: Stell dich 5 Jahre in der Zukunft vor. Und von diesem Zeitpunkt blickst du in das Jahr der Kränkung zurück: Hat diese Ereignis irgendeinen Einfluss auf deine Zukunft – rückblickend betrachtet? Hat sich irgendetwas bedeutungsvoll verändert? Wohl nicht. Also triff eine Entscheidung: lass den Ballast der Vergangenheit los! Wenn es in 5 Jahren egal sein wird, dann ist es heute auch schon egal! Lass es hinter dir! Und blick nach vorn….!

Was ich heute daraus gelernt habe?

Zum einen: Mein Mann handelt wirklich einfach so, wie ihm gerade danach ist. Ohne Hintergedanken. Keine Kränkung. Nicht alles, was er tut, muss einen direkten Bezug zu mir haben. Und wenn er sagt, er denkt sich nix dabei, dann denkt er sich auch wirklich nix dabei. Punkt. Unterstellungen überflüssig.
Zum anderen: wenn ihn wieder mal der Putzfimmel packt – zu welcher Zeit auch immer – ist das kein Zeichen seiner geschmälerten Liebe. Ich lass ihn einfach. Ich werde ihm dabei zusehen und seine handwerklichen Fähigkeiten loben….! 🙂

Stop existing! Start living!

Eure Birgit Leonhartsberger

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