Von dem Hundertjährigen, der auf einen Baum kletterte

Von dem Hundertjährigen, der auf einen Baum kletterte

Habt ihr eine Definition für „alt“? Wann hat man das Alter erreicht, wo man dann wirklich „alt“ ist? Zum alten Eisen gehört?

Für mich hat sich das im Laufe der Jahre verändert. altAls Jugendlicher waren ja alle um die 50+ eigentlich schon alt. Im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte stieg dies auf 70 – 80. Wobei natürlich meine Eltern davon ausgenommen sind. Denn unsere Eltern werden immer irgendwie jung bleiben und altern in Wahrheit doch nie, oder?

Natürlich mach ich mir auch hin und wieder Gedanken über´s Älter-werden. Wie schaut´s dann mit meiner Gesundheit aus? Geistig noch fit? Welche Freunde werden dann noch an meiner Seite sein? Familie?

Ich hatte das große Glück, in meiner Familie einen Menschen zu haben, der sämtliche Statistiken in den Schatten stellte: Unser Onkel Walter. Über mehrere Ecken miteinander verwandt, hatten sich meine Eltern und er eines Tages quasi wiedergefunden. Wie es halt im Leben so ist. Wege trennen sich und manchmal kreuzen sie sich auch wieder.

altOnkel Walter feierte jedes Jahr seinen Geburtstag im Kreise seiner Familie und Freunde. Das war immer sehr schön, denn die meisten dieser Menschen sahen sich das ganze Jahr nicht. Nur an diesem einen Wochenende. Es war quasi eine jährliche Familienzusammenführung. Schön und lustig.

Irgendwann vor ca. 20 Jahren stieß dann auch ich dazu, und seither wurde Onkel Walter zu einem festen Bestandteil unseres Lebens. Heuer im Juni feierten wir zum letzten Mal gemeinsam seinen Geburtstag: es war sein 104.!
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Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Einhundertundvier! Dieses Leben umschließt die Monarchie, 2 Weltkriege, technische Errungenschaften wie zB Einführung des Telefons, 2 Ehen (jeweils rund 40 Jahre lang), und und und….

Onkel Walter war ein Unikat. Bis zum Schluss in Vollbesitz seiner geistigen Kräfte: man konnte sogar mit ihm telefonieren, ohne Verständigungsschwierigkeiten. Mit ihm diskutieren – über Gott und die Welt.
Er liebte Kreuzworträtsel, Kartenspiel und Schach. Genoss es, ein paar Partien mit unserem Sohn aus zutragen.
altEr liebte die Musik. Aber nur Klassik – am liebsten Mozart. Ich wollte ihm öfters etwas von Debussy vorspielen, aber „mit dem Neumodernen hab ich doch nichts angefangen!“ 😉 Also spielten ihm meine Tochter und ich am Klavier Mozart vor, und er saß im Schaukelstuhl und träumte vor sich hin…

Onkel Walter war fit wie ein Turnschuh! Er wohnte in seinem eigenen Haus, betreute seinen eigenen Garten und sorgte für sich und seine Frau. Er war mobil und wollte nie von anderen abhängig sein. Im knackigen Alter von 95 Jahren (!) kaufte er sich ein neues Auto! Zu meinem Mann meinte er damals: „Weißt Andi, der Kadett hat jetzt ausgedient. Da tu ich mir beim Einparken in die Garage schon schwer. Jetzt hab ich ein neues Auto: mit Family-Edition und Servolenkung!“ Unglaublich, oder?

Als zu seinem 99. der Bürgermeister gratulieren kam, hatte Onkel Walter doch glatt auf den Termin vergessen – er saß gemütlich im Kirschbaum und ließ die Gratulanten warten!

altVor wenigen Jahren hatte er sein Auto gegen einen E-Rollator eingetauscht. jeden Tag besuchte er damit seine Frau Gretl im Altenheim und kümmerte sich um sie bis zu ihrem Tod im Juni dieses Jahres. Er fuhr selbständig hinüber, hatte dort schon seinen eigenen Parkplatz und war immer gern gesehen.

Ich habe Onkel Walter nie über irgendetwas oder -jemanden schimpfen gehört. Er war immer optimistisch und positiv gestimmt. Immer hilfsbereit. Er liebte das Leben und die Menschen in seinem Umfeld! 🙂

Mein Vater ist Filmemacher und Photograph aus Leidenschaft, und hin und wieder nimmt er auch an Filmwettbewerben teil. Dieser Kurzfilm entstand im Sommer diese Jahres und erhielt sogar eine Auszeichnung! Ich möchte ihn euch nicht vorenthalten, weil es ein wahrer Genuss ist, zu sehen, wie ein Mann im zarten Alter von 104 Jahren sein Leben lebt und liebt!

Vor 2 Wochen musste Onkel Walter wegen einer Lungenentzündung für 3 Tage in ein Krankenhaus. Wir besuchten ihn dort und sprachen über unsere gemeinsame Zeit. Er gestand uns, dass es ihm dann doch schon recht käme, wenn er einschlafen könnte. Er müsse Jopie Heesters nicht mehr einholen, 104 Jahre wären bereits genug. Sein einziger Wunsch wäre es aber, keine Schmerzen zu haben, nicht jetzt ewig krank zu sein. Seine letzten Worte an uns waren, dass ihm unsere Freundschaft sehr viel wert ist und sehr wichtig für ihn.

altGestern wurde ihm sein Wunsch erfüllt. Während mein Papa bei ihm am Bett saß und er also auch wusste, dass er nicht allein, sondern bei einem lieben Freund war, durfte Onkel Walter ganz ruhig und in Frieden einschlafen. Schmerzfrei und mit sich im Reinen durfte er diese Welt verlassen.

Ich bin dankbar für unsere gemeinsame Zeit und glücklich darüber, dass wir dich ein Stück weit begleiten durften!

In Liebe Birgit

One Reply to “Von dem Hundertjährigen, der auf einen Baum kletterte”

  1. Sehr lieb beschrieben und wahrheitsgetreu, auch wir fühlten die gemeinsame Zeit mit Onkel Walter
    ganz genau so wie du. Wir werden sicher sehr oft an die schönen gemeinsamen Stunden denken.

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